Inklusives Campaigning – Eine Problemanalyse

Ein zentrales Anliegen des Campaign Boostcamps ist das Thema Inklusion. Wie gestalten wir Kampagnen für alle? Teilnehmer*innen des Camps 2014 haben sich dazu Gedanken gemacht. Im Folgenden der Beitrag von Tobias Polsfuss.

Die Inklusionsdiskussion in Deutschland

In Deutschland ist die Forderung nach „Inklusion“ vor allem mit der gemeinsamen Beschulung von Menschen mit und ohne Behinderung verbunden. Schließlich hat nach Artikel 24 der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ jeder Mensch das Recht auf inklusive Bildung. Doch der Gedanke von Inklusion ist allumfassend und lässt sich nicht auf Teilbereiche der der Gesellschaft beschränken. So ist gerade das Recht auf Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben ein weiterer wichtiger Bestandteil der genannten UN-Konvention (Artikel 29).

Damit wird vor allem verbunden, dass Wahlverfahren, -einrichtungen und -materialien barrierefrei gestaltet sein müssen, um es jeder Bürgerin und jedem Bürger zu ermöglichen, das eigene Wahlrecht wahrzunehmen. Allerdings lässt sich die Teilnahme am politischen Leben keinesfalls auf die Teilnahme an Wahlen beschränken. Zum politischen Leben gehört auch, sich informieren und engagieren zu können. Somit kann sich gerade der zivilgesellschaftliche Kampagnensektor der Frage nach einer inklusiven Gestaltung nicht entziehen.

Boostcamper Tobias Polsfuss hält lächelnd ein Mikro in der Hand. Er hat blonde Haare, trägt einen hellgrauen Pullover und darunter ein rotes Hemd.
Boostcamper Tobias Polsfuss.

Inklusion vs. Zielgruppenorientierung

Auf dem Wege zu inklusiver Kampagnenarbeit gibt es jedoch eine große Barriere: Kampagnen sind nicht nur politische, sondern auch ökonomische Akteure. Das heißt, sie versuchen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln eine möglichst große Anzahl an Menschen für ein gewisses Thema zu mobilisieren. In der Praxis führen Campaigner deshalb Zielgruppenanalysen durch, um herauszufinden, welche Milieus mit dem geringsten Aufwand für ein Thema zu begeistern sind.

Oftmals sind diese Zielgruppen bei Kampagnen die gehobenen progressiven Milieus, bei denen bereits ein gewisses politisches Interesse und ein genereller Handlungswille vorhanden ist. Dies hat zur Folge, dass die Materialien von Kampagnen oftmals für Personen niedrigeren Bildungsstandes nicht verständlich sind und dadurch weite Teile der Bevölkerung von Kampagnen exkludiert sind. Hinzu kommt die Exklusion von Menschen mit Sinnesbehinderungen, da auf Brailleschrift, Untertitel etc. aus ökonomischen Gründen ebenfalls verzichtet wird. Auch die Veranstaltungsorte sind für Menschen mit körperlichen Einschränkungen oft nicht zugänglich. Somit werden selbst innerhalb der angestrebten Zielgruppen Menschen aufgrund ihrer Einschränkungen nicht berücksichtigt.

Den Teufelskreis durchbrechen

Jede vergebliche Beschäftigung mit politischen Themen wird für weitere Frustration und Depolitisierung der ausgeschlossenen Personen sorgen. Das System verstärkt sich damit selbst. Wer jetzt nicht politisch interessiert ist, kann es nur werden, wenn man ihm/ihr von Kampagnenseite die Hand reicht. Es ist also analog zum Bildungsbereich auch ein Umdenken im Kampagnensektor nötig. Will man weiterhin die Effizienz von Kampagnen über das Recht auf politische Teilhabe stellen? Barrieren müssen abgebaut werden, die gleichberechtigte Gestaltung von Kampagnen für jeden muss stärker in den Fokus rücken. Nur so kann auch im zivilgesellschaftlichen Kampagnenbereich Inklusion zur Selbstverständlichkeit werden.