„… hier [wurde] Vielfalt und Inklusion wirklich gelebt.“

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Wir bedanken uns ganz herzlich bei Anne, dass sie ihren Erfahrungsbericht als Teilnehmerin des Campaign Boostcamps 2017 mit euch und uns teilen möchte: „Seit vielen Jahren bin ich bereits politisch aktiv und setze mich für eine inklusive Gesellschaft ein. Dabei merkte ich immer wieder, dass mir das theoretische Wissen zu Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit fehlte. Deshalb liebäugelte ich schon seit etlichen Jahren mit einer Teilnahme beim Campaign Boostcamp. Eher zufällig erzählte ich meiner Assistentin Laura vom Stipendium für behinderte Menschen durch die Aktion Mensch. Laura bot sofort an, mich als Assistentin zu begleiten. Ich zögerte noch kurz, da ich, neben meiner Arbeit und den vielen politischen Aktivitäten, gerade in der Vorbereitung meiner Masterarbeit steckte. Aber die könne ja auch eine Woche warten. Also bewarb ich mich kurzerhand. Schon während der Bewerbungsphase war ich stark beeindruckt, wie bereits hier Vielfalt gelebt wird. Jegliche Fragen waren so formuliert, dass sie individuelle Bedarfe erfassten, jedoch ohne bloß zu stellen oder Menschen in Schubladen ein zu sortieren.

Nach erfolgreicher Online-Bewerbung und einem anschließenden Skype-Interview kam endlich die Zusage: Ich war eine von 26 Teilnehmer*innen, die aus 90 Bewerber*innen hervorgingen! Kurz darauf kontaktierte mich Elnaz und sorgte für größtmögliche Barrierearmut: erhöhtes Bett, Strohhalme und Parkplatz.

Ich landete also Ende Juni in der Perspektivfabrik in Brandenburg. Anders als bei vielen Seminaren, die ich schon besucht hatte, wurde hier Vielfalt und Inklusion wirklich gelebt. Denn auch die Boostas (Organisator*innen) und Referent*innen waren – wie wir Boosties – ein bunter Haufen. Dies wurde auch gleich beim Kennenlernen deutlich. Hier ging es um individuelle Stärken und Schwächen und nicht darum, wer du bist, was du machst und woher du kommst.

Neben dem vielen – wirklich vielen – Input über Strategien und Taktiken von Kampagnen, der Theory of Change und Crisitunity, Sessions zu WordPress, Social Media, Mail-Verteilern, Pressearbeit, inklusives Campaigning, Fundraising usw., gab es viel Raum für praktische Anwendung und Reflexion. In unseren “Homegroups”, einer Gruppe von 5 Teilnehmenden, reflektierten wir täglich das Gelernte und unser eigenes Handeln. Zusätzlich konnte sich jede*r mit einem zufällig zugeteilten “Buddy” unter 4 Augen austauschen. Beispielsweise kannte mein Buddy den ganzen technischen Stoff super gut, von dem ich nur eine kleine Ahnung habe. Ich konnte ihm hingegen viel zu Vielfalt und Inklusion erzählen, was wir beide sehr bereichernd fanden.

Self-care: Abends am See
Self-care: Abends am See (Foto von Anne Gersdorf)

Die praktische Anwendung des Gelernten erfolgte im Planspiel. Erstaunlich nah an der Realität entwickelten wir als inszenierter Verband der People of Colour (PoC) eine Kampagne gegen racial profiling. Von meiner Gruppe erfuhr ich viel über die alltäglichen Diskriminierungen von PoCs, also jene, die in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben. Gleichzeitig konnte ich von meinen praktischen Erfahrungen aus der #NichtMeinGesetz-Kampagne beitragen. Darüber hinaus erfuhr ich während des Planspiels viel über mich selbst: Meine individuellen Stärken, wie die Übersicht behalten, Struktur und Organisation und Klarheit resultieren aus meinem Leben mit Assistenz. Was für eine Erkenntnis!

Ich verstehe Inklusion als einen stetigen Reflexionsprozess. Dass diese beim CBC gelebt wird, zeigte sich, als es mal nicht so rund lief und das Team unverzüglich und vorbildlich reagierte, um aufkommende Ausschlüsse und Diskriminierungen zu unterbinden. Als ich mit einigen Boosties an diesem Abend Abendbrot aß, bemerkten wir, dass Diskriminierungen und das Normalisierungsprinzip unser Gesellschaft auf mehrere von uns zu trifft, obwohl wir vermeintlich ganz anders betroffen sind.

Als wir gefühlt gerade richtig angekommen waren, war die Zeit auch schon wieder vorbei. Plötzlich waren wir wieder aus der Campaigner Bubble in der Realität und wieder zu Hause angekommen. Nach dem Camp erwischte mich ein ordentlicher Jetlag. Auch nach 13 Stunden Schlaf, viel Essen und ganz viel Self-Care (auch das haben wir gelernt, ist wichtig!) wirkten die Erfahrungen der vergangenen Tage nach und die Erfahrungen mussten sortiert werden.

Dank Social Media sind wir alle immer noch gut vernetzt. Zwei andere Boosties und ich versuchen gerade zu der oben erwähnten „Abendbrot“-Erkenntnis ein kleines Projekt zu machen. Ich bin gespannt, was daraus wird…

Auf jeden Fall habe ich für die Zukunft ganz viel über Wissen über Kampagnen, Diskriminierungen und Intersektionalität und Selbsterfahrung im Gepäck!“